Der KoKroaches-Epilog:
Botschaft der Kakerlake an den Menschen
Vorgetragen bei der Eröffnungs-VA des Roachhouse
Frag‘ dich doch mal selber, wie du für uns empfindest, was du fühlst, wenn du einen oder mehrere von uns siehst. Bekommst du eine Gänsehaut? Angst? Wird dir unwohl? Könntest du einen von uns mit der bloßen Hand töten? Oder gar essen? Fühlst du dich überlegen oder hast du Minderwertigkeitsgefühle?
Wir sind ganz alte Seelen. Wir waren schon hier, als sich die Kontinente formten, als die Dinosaurier kamen und gingen, als sich die schlauesten Affen so langsam auf den Weg machten, zum homo sapiens zu mutieren, der für viele von uns zum besten Freund und schlimmsten Feind zugleich wurde. Wir mögen die Menschen. Sie haben uns im Laufe ihrer recht jungen Geschichte mehr neue Lebensräume erschlossen als andere Wesen zuvor. Sie versorgen uns mit Nahrung & Wohnraum, und wir wollen nicht, daß sie sich aus falschem Ekel und Haß in jene Mörderhorden verwandeln, die heute hinter uns her sind. Wir sorgen uns weniger um unser Überleben, denn das scheint allemal weit über das Leben der menschlichen Rasse hinaus gesichert, aber wir sorgen uns um das Karma der Menschheit. OK, zugegeben, auch bei uns gibt es ein paar Perverslinge, die ihren Spaß daran haben, Menschen zu erschrecken und zum Kreischen zu bringen. Aber dabei handelt es sich nur um wenige Radikalinskis, wie man sie überall findet.
Wenn ich ‚Wir‘ sage, meine ich damit vor allem die Deutsche Kakerlake, aber auch unsere Verwandten in den USA, Mexiko, dem Orient, Madagaskar und anderswo. Ursprünglich stammen wir ja wie der Mensch aus Afrika (siehe Seite 50 ff.), und nur ca. 50 der rund 4000 Kakerlaken-Stämme kommen überhaupt in Kontakt mit dem Menschen. Als häusliche Untermieter des Menschen ließen sich in Europa nur vier Arten nieder.
Wie kommt es nur, daß uns der Mensch, hm, schäbig findet, sich vor uns ekelt? Nur weil wir mehr Beine haben? Den Schabernack lieben? Weil es uns als Rasse schon mindestens 100 mal länger auf diesem Planeten gibt als den homo sapiens? Ist es also blanker Neid oder müssen wir als Symbol für deine Urängste herhalten?
Immerhin waren wir schon bevor der Mensch Abfälle hinterließ der geborene Recycler auf diesem Planeten: Eure Abfälle sind unser Festmahl, im Regenwald sorgen wir schon immer für die Humusbildung. Habt ihr ein schlechtes Gewissen? Warum haben uns die Grünen nicht zu ihrem Wappentier gemacht? Sind wir nicht nützlicher und nahrhafter als Sonnenblumen? Zugegeben, erst der Mensch hat uns zu wahren Kosmopoliten gemacht. Wir haben geschafft, was der Deutschen Wehrmacht glücklicherweise versagt blieb: die Eroberung der ganzen Welt. Ihr habt uns mit euren Schiffen und Flugzeugen sehr dabei geholfen. Deutsche Touristen imitieren uns inzwischen sogar. Sie hinterlassen uns ihren Dreck an jedem Strand der Welt. Danke. In ihrem Reisegepäck helfen sie unseren Verwandten aus anderen Teilen der Welt, zu uns zu kommen. Ohne des Menschen Hilfe wären wir niemals so weit herumgekommen. Nochmals: Danke!
(…) eigentlich sind wir Basisdemokraten, leben in ur-traditionellen Clans – ohne Königin oder ähnliche Autoritäten, wie bei unseren entfernten Verwandten, den Termiten und Ameisen.
Kaum ein Lebewesen ist gefühlsempfindlicher als wir, mit unseren ungezählten Tastorganen und Antennen an den Fühlern und anderswo. Wir sind wahre Sensibelchen. (…) Zugegeben, wir haben eine Schwäche für Drogen, die Mexikaner verehren uns mit dem Lied La Cucaracha. (…) wir haben auch nichts gegen Alkohol. Mit einem Tropfen Bier kann man einige von uns in gute Laune versetzen. Wir trinken gerne eure Reste weg. Und musikalisch sind wir auch.
(…) Ist das ein Grund, zu versuchen, uns flächendeckend zu killen? Wir, wir kitzeln euch höchstens und schon geratet ihr in Panik. Ihr gebt Milliardensummen aus, um uns zu vernichten, obwohl ihr wißt, daß dies ein sinnloses Unterfangen bleiben wird. (…)Wir sind lernfähig. Wir kennen keine Tabus. Wir fressen eure Killerpulver so lange, bis wir, spätestens nach ein paar Generationen, dagegen resistent sind. Neidisch, weil euch das mit euren Zigaretten nicht so leicht gelingt? Ich hoffe, ihr seid bald resistent gegen eure Kakerlaken-Phobie. Denn eines müßt ihr einfach akzeptieren: Uns gab es nicht nur schon ein paar Hundert Millionen Jahre vor euch, uns wird es auch noch lange nach euch geben. Egal, wie ihr euch und diesen Planeten vergiftet.
Wie sagte es ein Kollege von mir: „Euer Großhirn hat euch zwar all das zugegeben imponierende Menschenwerk ermöglicht, es hat euch aber nicht die Mittel und Weisheit beschert, euch dauerhaft auf der Erde einzurichten. Wohl habt ihr die von euch selber heraufbeschworenen Gefahren erkannt und sogar deren Bedrohlichkeit in den düstersten Farben beschrieben, doch habt ihr nicht vermocht, sie zu bannen. Den schönen Planeten habt ihr ausgeplündert und vergiftet, und mit eurer Massenvermehrung schaufelt ihr euch nun selbst das Grab. Ihr hättet es eigentlich gar nicht verdient, auf der Erde zugelassen zu werden.“Und was sagt ihr dazu? „Es war uns wichtiger, verehrter Kakerlak, eine kurze Zeit in Saus und Braus zu leben, als Jahrmillionen in Dunkelheit nach Abfällen zu suchen auf einer Erde, die mehr als dies zu bieten hatte…“. So arrogant sind, zumindest auf dem Planeten Erde, nur die Menschen. Wer Schaben hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wir sind in nichts Spezialisten, das war bis vor kurzem bei euch ebenso. Wir sind die ultimativen Surviver, das scheint bei euch anders zu sein. Wir überleben alles, daher wäre es besser, ihr würdet von uns lernen, bevor ihr euch daran aufgeilt, uns generationenlang zu verfolgen. Das nutzt euch allemal nix. Wir müssen eure Zukunftsängste ernst nehmen, schließlich sind inzwischen Milliarden von uns von der menschlichen Zivilisation abhängig. Was nützt es uns, wenn wir atomaren Fallout und das Ozonloch überleben, aber keine versifften Wohnungen, Cola-Abfüllstationen oder Großküchen mehr zu unserer Verfügung haben? Wer von uns will nach all diesem Luxus schon zurück in den Dschungel? (…)
* gekürzte Version aus dem Buch „Karl Kockroach & Ronald Rippchen: Die Deutsche Kakerlake“